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Vorwort
Die Familie war, ist und bleibt die Keimzelle eines jeden Volkes, so auch unseres deutschen Volkes. Hier zuerst werden Kinder auch mit der biblischen Botschaft bekannt gemacht, hier lernen sie die Tugenden, den Wert, den Zusammenhalt ihrer engsten, bleibenden Lebensgemeinschaft. Hier lernen sie teilen und verzichten, sich gemeinsam freuen; hier lernen sie es aber auch, ihre Konflikte, ihre Streitereien zu begrenzen, einzuzäunen, zu beenden und sich zu versöhnen. Alles dies sind unaufgebbare Tugenden, derer unser Volk notwendiger denn je bedarf. Die Verantwortung von uns Christen für die Erziehung unserer Jugend beginnt aber nicht erst im Kindergartenalter, sondern im allerfrühesten Kindesalter, und sie hört lebenslang nicht auf. "Kinder sind ein Geschenk Gottes auf Zeit", sagte einmal der unvergessene Dichter Hans Bahrs. Leider aber sind die christlichen Erziehungsideale, so wie sie beispielhaft Pestalozzi formulierte, durch das Vordringen der 68er "antiautoritären Nicht-Erziehung" der Frankfurter Schule stark zurückgedrängt, teilweise gänzlich zerstört worden. Nach dem weltweiten Scheitern des Kommunismus-Sozialismus 1990/91 ist es deshalb wichtiger und erfolgversprechender denn je, die Verantwortung von uns Christen für die Erziehung unserer Jugend wieder in die Lebenswirklichkeit zurückzurufen. Eugen van Laak (Jg. 1960) - Theologe und Pädagoge - macht in seinem erstmals auf der Jahrestagung der Aktion DIE WENDE in Bad Blankenburg (3. - 5. April 1998) vorgetragenen Beitrag, der nun in überarbeiteter Form vorliegt, deutlich, daß christliche Gebote in erzieherischen Fragen gerade heute wegweisende Orientierung geben. Es zeigt sich nämlich, daß sich, so beispielhaft beim Elterngebot, die Aussagen der Gebote durch viele neue entwicklungspsychologische Untersuchungen bestätigen. Christliche Lebensorientierungen, vertieft durch psychologische Einsichten, erweisen sich angesichts der auf uns zukommenden Großkrise in Staat, Wirtschaft, Kirche und Kultur als chancenreiche und attraktive Alternative gegenüber einer glaubenslosen oder bewußt atheistischen, auf Gelderwerb und "Spaßhaben" ausgerichteten Lebenshaltung. Der Beitrag ist ein Plädoyer für eine autoritative wie einfühlsame Erziehung, die Gott die Ehre gibt und die sich als sozial förderlich erweisen wird. Autoritative und zugleich einfühlsame Erziehung berücksichtigt nämlich die Erfordernisse von Glaube, Staat und Familie gleichermaßen und im harmonischen Verhältnis zueinander.
Dr. Albrecht Jebens Bruno Weinmann
Die Verantwortung der Christen für die Erziehung Eine grundlegende Einsicht in das, was Erziehung ausmacht, finden wir dargelegt in einem - vor mehr als 1500 Jahren geschriebenen - kleinen Büchlein des Kirchenvaters Augustinus mit dem Titel "De magistro" (Über den Lehrmeister). In diesem Büchlein wird ein Zwiegespräch wiedergegeben, das Augustinus mit seinem Sohn Adeodatus führt. Augustinus bemüht sich darin, seinen Sohn zu überzeugen, daß er, der Vater, ihn nicht erzogen habe - obgleich er all das getan hat, was nach landläufiger Vorstellung Aufgabe der Eltern ist. Augustinus sagt, er konnte gar nicht Lehrer bzw. Erzieher seines Sohnes sein. Was er getan habe, sei nur zu mahnen und hinzuweisen, er habe seinen Sohn nur dorthin geführt, wo sich die Sache selbst zum Sprechen brachte. Was nun sein Sohn davon aufgenommen habe, was in ihm Wirkung zeigte, das käme nicht von ihm, dem Vater, sondern aus den Dingen selbst, ihrer inneren Einsichtigkeit und Ordnung, und auf diesem Wege von dem einzigen Lehrmeister, nämlich von Gott.
Was Augustinus sagen will, betrifft das Charakteristische, das Eigene des Erziehungsprozesses, seine ihm innewohnende Gesetzmäßigkeit. Erziehung kann nur in Freiheit geschehen: Das Kind bzw. der Jugendliche übernimmt nicht einfach das, was der Erzieher sagt, sondern eignet sich die ihm vorgelebten und gelehrten Inhalte und Werte nur auf "seine ganz eigene Weise" an. Das eine nimmt der junge Mensch mehr auf, das andere weniger, das eine von dieser Bezugsperson, das andere von jener. Er orientiert sich dorthin, wo er Vertrauen fassen kann, er nimmt das auf, was ihn innerlich anspricht und beeindruckt. Er wird eine eigene Persönlichkeit und nicht bloß eine Kopie seines Erziehers. Der Erzieher muß dem Rechnung tragen. Erziehung kann man nicht erzwingen. Das, was wirkt, ist die innere Wahrheit, der sich der Erzieher selbst verpflichtet fühlt und der er sich gemeinsam mit dem ihm anvertrauten jungen Menschen unterstellt: Er kann den Heranwachsenden zu dieser Wahrheit führen, er kann ihm zeigen, was diese Wahrheit ihm selbst und für andere bedeutet, aber aneignen muß sich der junge Mensch diese Wahrheit selber.
Dieses Eigene, die Gesetzmäßigkeit der Erziehung, ist Risiko wie Chance. Der Pädagoge Andreas Flitner, bei dem ich dieses schöne Beispiel von Augustin fand, faßt die Aufgabe der Erziehung wie folgt zusammen:
"Erziehen ist nicht und kann nicht sein ein Formen nach einem Bilde. Es ist ein abenteuerlicher Weg, den der Erzieher gemeinsam mit dem jungen Menschen zurücklegen muß, der auch für den Erzieher voller Risiken ist, den er nicht zweimal machen kann, aus dem er nicht unverändert hervorgeht und bei dem er selbst und seine Wahrhaftigkeit dauernd auf dem Spiele stehen; ein Weg, auf dem der junge Mensch erfahren muß, um was es dem Erzieher selber geht - aber auf seine (Hervorhebung im Original) Weise erfahren muß, als ein anderer Mensch, als eine andere Generation, die da neu anzufangen hat, wo die vorherige nach vielen Mühen hingelangt ist."
Das Elterngebot: biblische Weisung für ein gelingendes Zusammenleben In der Wahrnehmung der Verantwortung für die Erziehung orientieren wir uns als Aktion DIE WENDE - wie in anderen Lebensbereichen auch - an der biblischen Ethik, wie sie in den Zehn Geboten zusammengefaßt wird. In diesen Geboten sehen wir grundlegende Regeln des Zusammenlebens, die heute auch Menschen, die vom Christentum weniger berührt sind, eine hilfreiche Orientierung bieten können. Wir gehen davon aus, daß der Inhalt der Gebote dem einleuchtet, der sich unvoreingenommen mit ihnen befaßt und seine Vernunft gebraucht.
Ich möchte im folgenden diese unsere Annahme einem Test unterziehen, nämlich überprüfen, wie sich der Wahrheitsgehalt der Gebote im Lichte neuerer wissenschaftlich-psychologischer Einsichten darstellt. Ich beschränke mich dabei im wesentlichen auf das für uns in diesem Zusammenhang zentrale Vierte Gebot: "Du sollst Deinen Vater und Deine Mutter ehren".
Den Eltern kommt - so sagt es auch das Grundgesetz (Artikel 6) - das natürliche Recht der Erziehung zu. Die Eltern sind die ersten maßgeblichen Bezugspersonen des Kindes, und auch während der Schulzeit haben sie große Bedeutung für das älter werdende Kind und ebenso - darauf werden wir noch genauer zu sprechen kommen - für den Jugendlichen. Die Schule sollte die Familie in ihrer Erziehungsaufgabe unterstützen und ergänzen. Die Schule hat auch darin ihren Sinn, die Schüler auf die Aufgaben vorzubereiten, die sich ihnen später als Erwachsene in einer von ihnen gegründeten Familie stellen.
Doch zunächst zur Bedeutung dieses Gebotes in der Bibel und im Großen Katechismus Luthers: Die Hochschätzung der Familie durchzieht beide Testamente. Sie gipfelt in dem alttestamentlichen Gebot, die Eltern zu ehren, welches im Neuen Testament durch Jesus bestätigt wird (Matthäus 15, 3-6; Markus 7, 9-13).
Wir finden in der Bibel viele Familienerzählungen, die uns Beispiele aufzeigen von gegenseitiger Liebe, Achtung und Vergebung. Denken wir an die Versöhnung der Geschwister Jakob und Esau (1. Mose 33), die Liebe Josephs zu seinem Vater Jakob und dessen Liebe zu ihm (1. Mose 45f), die Treue Ruts zu ihrer Schwiegermutter Naemi (Rut 1-4). Und im Neuen Testament finden wir das schöne Gleichnis vom verlorenen Sohn, in dem das Verhältnis Gottes zu den Menschen mit einer grenzenlosen Vaterliebe beschrieben wird (Lukas 15, 11ff).
Vor allem auch im Buch der Sprüche finden wir viele Beispiele über die große Bedeutung elterlicher Wegweisung und "Wertevermittlung". So heißt es: "Mein Vater sagte zu mir: 'Präge dir meine Worte ein, vergiß sie nicht! Wenn du tust, was ich dir sage, wirst du leben. Erwirb dir Klugheit und Einsicht! Vergiß meine Worte nicht, sondern richte dich nach ihnen! Trenne dich nie von der Klugheit, sie wird dich beschützen. Liebe sie, dann gibt sie dir Sicherheit. Weisheit ist das allerwichtigste; darum gib notfalls alles hin, um sie zu erwerben.'" (Spr. 4, 4-8)
Andererseits wird in der Bibel die Zerstörung des familiären Zusammenhaltes und Respektes im Zusammenhang gesehen mit einem allgemeinen Verfall von Sitten und Werten. So beschreibt der Prophet Micha: "Es ist soweit gekommen, daß der Sohn verächtlich auf den Vater herabsieht, die Tochter sich der Mutter widersetzt und die Schwiegertochter der Schwiegermutter. Ein Mann hat seine Feinde jetzt im eigenen Haus." (Micha 7,6) Dem entspricht eine weitreichende moralische Verwahrlosung: "Sie schrecken nicht vor Mord und Totschlag zurück, jeder stellt dem anderen Fallen. Sie sind voll Eifer, wenn es gilt Böses zu tun, darauf verstehen sie sich. Die Beamten schrauben die Abgaben in die Höhe, die Richter geben dem recht, der ihnen am meisten zahlt, die Mächtigen schalten nach ihrer Willkür." (Micha 7,2b-3)
Auch Luther sieht "Unglück" und "Jammer" in der Welt verursacht durch ein Familienleben ohne "Scheu" und "Ehrfurcht", wo einer dem anderen in den Rücken fällt und ihn schlecht macht. Hingegen lobt er den Nutzen des Gebotes, "daß es auch uns wohlgeraten und zum Besten gedeihen solle, so daß wir ein sanftes süßes Leben haben können mit allem Guten". In diesem Zusammenhang nimmt er sowohl Eltern, Lehrer wie alle für die Erziehung Verantwortlichen in die Pflicht: "So dürfen wir wahrhaft weder Fleiß und Mühe noch Kosten an unseren Kindern sparen, um sie zu lehren und zu erziehen, damit sie Gott und der Welt dienen können."
Die Wahrheit der Gebote im Lichte neuer entwicklungspsychologischer Erkenntnisse Wenn wir nun diesen Aussagen heutige entwicklungspsychologische Befunde gegenüberstellen, zeigt sich, daß sich das Gebot bestätigt. Mehr noch: Im Lichte dieser neueren Einsichten werden uns diese vor langer Zeit gegebenen Orientierungen in einem neuen und vertiefteren Verständnis zugänglich.
Die große Bedeutung der Familie gerade in der frühen Kindheit ist eindeutig belegt. Die amerikanische Hirnforschung hat beispielsweise herausgefunden, daß das Gehirn gerade in den frühen Stadien enorm prägbar ist. Ein Kind, das liebevolle und anteilnehmende Eltern hat und von ihnen in der Vorschulzeit entsprechend gefördert wird, stellt in seinem sich entwickelnden Gehirn bis zum vierten Lebensjahr etwa 700.000 positive Verknüpfungen her. Kinder, die eher vernachlässigt werden, deren Eltern nicht gelernt haben, der Erziehungsaufgabe adequat nachzukommen, können hingegen nur 150.000 positive Verknüpfungen herstellen! Der emotionale Rahmen, die Familienstimmung, die Fürsorge und Zuwendung der Mutter und auch des Vaters, die einfühlsame Anleitung und das gelebte Vorbild sind also ganz entscheidend für das sich entwickelnde Gefühlsleben des Kindes. Diese Einsichten zeigten sich als so durchschlagend, daß im vergangenen Jahr in den USA eine vom Präsidentenehepaar Clinton unterstützte groß angelegte Aufklärungskampagne zur Verbreitung solcher Erkenntnisse gestartet wurde.
Die Zürcher Psychologin Annemarie Buchholz-Kaiser zeigt, Bezug nehmend auf die Forschungsergebnisse John Bowlbys, daß das Kind von Anfang an, bereits als Säugling, sehr aktiv und zielgerichtet die Beziehung zur Mutter sucht. Für die Entwicklung einer emotionalen Sicherheit, eines Grundvertrauen ist es entscheidend, in welcher Weise die Mutter diese "Signale" des Kindes entgegennimmt, wie sie reagiert und durch Mimik, mit Worten, durch emotionale Zuwendung mit dem Kind in ein Wechselspiel tritt. Dabei ist es im Verlaufe der Entwicklung wichtig, auch korrigierend einzugreifen, z.B. bei einem Fehlverhalten des Kindes das Mitgefühl für einen anderen Menschen zu wecken. Buchholz-Kaiser betont, daß von Anfang an alle erzieherischen Bemühungen von der inneren Haltung getragen sein müssen, "daß das Kind eine eigenständige Persönlichkeit, eine Person ist und als solche geachtet, angeleitet und gefördert werden muß." Vermittlung von Werten droht zu scheitern, wenn dies verbunden ist mit Zwang, wenn ein Kind beispielsweise lächerlich gemacht wird, bloßgestellt, herabgesetzt oder gedemütigt wird. Das in den ersten Lebensjahren entwickelte Mitgefühl, die "Empathie" und das damit verbundene Grundvertrauen aufgrund einer "positiven Bindung" zu den ersten Bezugspersonen verhelfen in späteren Jahren zu der Gradlinigkeit und Courage, für die eigenen Überzeugungen und Wertvorstellungen einzutreten und ihnen gemäß zu handeln.
Wir erinnern uns daran: Auch Jesus hat sich in besonderer Weise der kleinen Kinder angenommen und sie als Vorbild hingestellt für ihre Offenheit und Vertrauensbereitschaft. Jesus betont, daß ihnen besondere Zuwendung zuzukommen habe. (Markus 10, 13ff. u.a.)
Viele Eltern haben das Gefühl, mit Beginn der Pubertät hätten sie auf ihre Kinder immer weniger Einfluß. Sie fühlen sich verunsichert, da von bestimmten Kreisen eine Auffassung verbreitet wird, daß sich Jugendliche mit der Pubertät natürlicherweise von den Eltern zunehmend distanzieren und ihre Orientierung im wesentlichen nur noch aus der Gruppe der Altersgleichen, der "Peergroup", gewinnen. Dies stimmt jedoch so nicht. Das zeigen die Entwicklungspsychologen Rolf Oerter und Eva Dreher anhand vieler teilweise erst kürzlich erfolgter Untersuchungen über die Bedeutung der Familie im Jugendalter. Zwar gewinnt in dieser Lebensphase die Meinung Gleichaltriger an Stellenwert, aber im Normalfall ist der elterliche Einfluß nach wie vor sehr groß.
So ließ sich in einer umfangreichen Untersuchung ermitteln, daß für Jugendliche, die ein im psychologischen Sinne gesundes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen entwickeln konnten, der Einfluß der Eltern eine vorrangige Bedeutung hat. Der Einfluß der Eltern sinkt, je weniger der Jugendliche eine innere psychische Stabilität aufbauen konnte. Solche Jugendlichen sind, aufgrund ihrer starken Beeinflußbarkeit durch Gleichaltrige, erhöht gefährdet.
Eine andere Untersuchung erbrachte das Ergebnis, daß Jugendliche, die eine stärkere Bindung an die Eltern zum Ausdruck brachten, "weniger depressiv, weniger sozial ängstlich" waren und die Möglichkeit, sich frei in der Familie mitzuteilen, wie den familiären Zusammenhalt als positiv bewerteten. Das emotionale Wohlbefinden Jugendlicher und ihre Selbsteinschätzung steht, so äußern weitere Forscher, im Zusammenhang mit einer "engen, sicheren und warmen Beziehung zu den Eltern". Grundsätzlich ist Jugendlichen eine gute Elternbeziehung ein großes Anliegen. Dies ergab eine Befragung von 6000 Jugendlichen aus zehn verschiedenen, kulturell unterschiedlich geprägten Ländern. Negative Aussagen, wie "Groll gegen die Eltern" oder "Ablehnung von Vater und Mutter" fanden in dieser Fragebogenuntersuchung wenig Zustimmung.
Wir können also sicher sein, daß elterliche Stellungnahmen auch noch für den Jugendlichen großes Gewicht haben, auch dann, wenn der junge Mensch dies in der nicht einfachen Situation des Erwachsenwerdens nicht direkt zum Ausdruck bringt. Eltern sollten dies wissen, damit sie sich daher nicht zurücknehmen, sondern mit dem Jugendlichen - altersangemessen - über die verschiedenen Fragen des Lebens sprechen. Die Mahnung zur "Klugheit" und "Weisheit", wie wir sie so schön im Buch der Sprüche finden, ist gerade im Blick auf den Orientierung suchenden Heranwachsenden von großer Wichtigkeit.
Diese Auffassung wird gestützt durch die Untersuchungen der Amerikanerin Diana Baumrind, die unterschiedliche "Familientypen" in ihren Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen miteinander verglich. Baumrind ermittelte, daß sich sogenannte "autoritative Familien", in denen die Eltern mit ihren Normen und Werten gegenüber dem Jugendlichen eine klare Haltung einnehmen, auf die Entwicklung einer zwischenmenschlich kompetenten und sozial förderlichen Haltung der jungen Menschen am besten auswirkten. Einfühlende Hilfe, verstandesgemäße Erklärungen waren in diesen Familien in hohem Maße vorhanden wie in gleichem Maße das Eintreten für Regeln und gegebenenfalls die Konfrontation des Jugendlichen.
Bei allem sollten wir jedoch im Auge behalten, daß es ein "ideales" Heranwachsen nicht gibt. Es gibt wohl keinen jungen Menschen, dessen Entwicklung nicht ohne Krisen und mehr oder minder großen Problemen verläuft. Auch später, wenn eine Phase vielleicht weniger glücklich verlaufen ist, haben die Eltern viel in der Hand, dem jungen Menschen zu helfen, für sich einen guten Weg zu finden.
Auf der Basis der angeführten entwicklungspsychologischen Befunde können wir nun nachvollziehen, welche verheerenden Folgen ein Abbau familiärer Bindungen, wie er durch verschiedene Einflüsse gezielt verursacht wird, hat. Die natürliche Orientierung der jüngeren Generation an der älteren, die Weitergabe der überlieferten Regeln und Normen des Zusammenlebens, wie es in der Bibel selbstverständlich ist (vgl. 5. Mose 6, 6-9 u.a.), wird gestört. Das Gleichgewicht des gesellschaftlichen Miteinanders, das auf Verantwortungsbewußtsein, Ehrlichkeit und mitmenschlichem Engagement beruht, droht so in eine gefährliche Schieflage zu geraten.
Die Folgen einer solchen Tendenz zeigen uns auch Ergebnisse psychologischer Studien: Marcia stellte bereits 1989 fest, daß sich die Zahl eines bestimmten jugendlichen Identitätstypus, den er "diffuse Identität" nennt, von früher etwa 20 % auf heute durchschnittlich 40 % verdoppelt hat. Dies sind Jugendliche "ohne feste Wertorientierung, mit geringer Verpflichtungsneigung und geringer Stabilität". Marcia hat diese konturlose Form der Identität näher untersucht und insbesondere auch auf die kulturelle Bedingtheit solcher Identitätsentwicklungen hingewiesen. Es ist zu befürchten, daß ein solcher Typus in der von verschiedener Seite angepriesenen und angestrebten "multikulturellen Gesellschaft", die jedoch in vielen grundlegenden Fragen keine klaren Wertentscheidungen mehr trifft, weiter zunimmt.
Lassen Sie mich bis hierhin Fazit ziehen: Wir haben zwar nur einige entwicklungspsychologische Aspekte der vielschichtigen Erziehungsfrage beleuchtet, die freilich hinreichend zeigen, daß sich - im Falle des Elterngebotes - die Aussagen der Zehn Gebote bestätigen. Wir können folglich, auch mit dem Verweis auf diese Forschungsergebnisse, nachdrücklich für die Gültigkeit und bleibende Aktualität der Gebote eintreten. Das ist das eine. Darüber hinaus können wir unter Einbezug dieser wissenschaftlichen Ergebnisse zu einem vertieften und fundierteren Verständnis der Gebote kommen. Durch Aufnahme dieser Einsichten ist es uns möglich - in Fragen der Erziehung - der Situation von Familien und von Schülern besser gerecht zu werden. Ferner: Im Zusammenfügen der richtungsweisenden Aussagen der Gebote und seriöser erziehungswissenschaftlicher Forschungsergebnisse nehmen wir auf dem Feld der Erziehung die uns gebotene Weltverantwortung wahr: Solche christlichen Orientierungen können sich als wirkliche Lebenshilfe erweisen - auch für denjenigen, der sich dem Evangelium bislang noch nicht geöffnet hat.
Pädagoge sein - Christ sein
Verantwortung für die Erziehung - von Christen wahrgenommen - steht unter einer diese Aufgabe grundlegend bestimmenden Perspektive: Als Christen stellen wir in Rechnung, daß menschliches Streben und Tun oftmals an Grenzen stößt, daß Versagen und Mißlingen im Leben immer wieder vorkommen. Und wir wissen uns dabei getragen und immer wieder neu ermutigt durch unseren Schöpfer und Erlöser.
Ein Pädagoge, der dies selbstverständlich voraussetzte, ist Johann Heinrich Pestalozzi. In seinem ganzen Bemühen um Verbesserung des Erziehungswesens, in seiner praktischen schulischen und erzieherischen Tätigkeit zeigt sich ein zutiefst - protestantisch geprägtes - christliches Menschenverständnis. Pestalozzi wußte um die Unvollendbarkeit aller Bemühungen in dieser Welt und war zugleich entschlossen "in diesem Raum zu bessern, zu leisten, zu schaffen, was die endliche Kraft nur immer hergibt". Ein solches christliches Verständnis des Menschen sucht einen realistischen Weg zwischen unangemessenen Erziehungserwartungen und pessimistischer Sicht der Möglichkeiten der Erziehung. Christliche Anthropologie in protestantischer Tradition steht ein für die beharrliche Förderung der menschlichen Entwicklung im Bewußtsein dessen, daß diese große Aufgabe auch Rückschläge und Mißlingen mit sich bringen kann.
In ähnlicher Weise sieht Luther den Pädagogen mit der grundsätzlichen Frage konfrontiert, wie er, angesichts der sich ihm stellenden Schwierigkeiten und den daraus resultierenden Anfechtungen, die Aufgabe der Erziehung dauerhaft wahrnehmen kann. Hier stellt sich für die für Luther auch in allen anderen weltlichen Lebensbereichen zentrale Frage der Rechtfertigung. Nach Luther ist die tatsächliche Umsetzung vernunftgemäßer erzieherischer Erkenntnisse letztendlich nur auf der Basis des Glaubens möglich. Gottes vergebende Gnade verhilft dem Erzieher dazu, der ihm gegebenen Verantwortung wirklich gerecht zu werden.
Verantwortung für die Erziehung wahrnehmen - verantwortlich Christ sein. Wir sehen, daß Pädagoge sein und Christsein zueinander eine sachliche Nähe hat. Viele große Pädagogen in der Geschichte waren Christen: Melanchthon, Comenius, Pestalozzi, auch Theodor Litt verstand sich als Lehrer der Pädagogik aus dem Erbe der christlichen Tradition heraus. In der pädagogischen Aufgabe begegnen wir Fragen, die uns letztlich zur Frage nach dem Sinn im Leben überhaupt führen. So will ich schließen mit einem Beispiel für die Offenheit der Pädagogik zum Glauben hin, das ich bei dem norwegischen Erziehungswissenschaftler Reidar Myrrhe fand, der nach einer tieferen Begründung von Vertrauen und Autorität fragt:
"Gibt es eine wohlfeile Begründung des Vertrauens zum Dasein, der Hoffnung auf eine sinnvolle Zukunft überhaupt? Gibt es eine Deutung des Daseins, welche den tiefsten Bedürfnissen des Menschen sowohl nach Hingabe als auch nach Freiheit gerecht wird? Mit diesen Fragen haben wir die uralten Fragen nach dem Ursprung und der Bestimmung des Menschen berührt, die Frage danach, was der Mensch wissen kann, was er tun soll und worauf er hoffen darf - die Welt der Philosophie und Religion."
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